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Agenda-Vorbild: Stanz im Mürztal Wie kann eine kleine Gemeinde in einer demographisch schrumpfenden Region die Lebensqualität steigern, die Menschen direkt an der Kommunalentwicklung beteiligen und damit modellhafte Lösungen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts im ländlichen Raum schaffen? Damit beschäftigt sich die Gemeinde Stanz im Mürztal in ihrem Lokalen Agenda 21-Prozess.

Kurzprofil zur Gemeinde

Die Gemeinde Stanz im Mürztal liegt im Stanzertal, im Bezirk Bruck-Mürzzuschlag in der Region Obersteiermark Ost. Die Gemeinde zählt mit Jänner 2019 einen Bevölkerungsstand von 1.844 Personen. Die Wirtschaft in der Gemeinde ist kleinteilig strukturiert, was sich an einem hohen Anteil an pendelnden Personen widerspiegelt. Die industriell geprägte Region des Mürztals war in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von einem wirtschaftlichen Strukturwandel betroffen. Dies ist neben anderen Faktoren ein Grund für die starke Abwanderung und Alterung im Bezirk. Im Vergleich zu anderen Seitentälern im Bezirk ist der Bevölkerungsrückgang in Stanz mit einem Minus von 5 Prozent jedoch geringer als der Durchschnittswert in der Region und eine Trendwende ist im Ort greifbar: in den Jahren 2017 und 2018 gab es erstmals seit dem Jahr 2002 zwei Jahre in Folge ohne negative Binnenwanderungsbilanz.

Zu den Herausforderungen im Ort zählen auch hier Leerstände, fehlende Nahversorgung und soziale Treffpunkte im Ortszentrum, attraktiver Wohnraum für junge und ältere Menschen, Mobilität und öffentlicher Verkehr sowie Notwendigkeiten einer Klimawandelanpassung und Maßnahmen zum Klimaschutz. Auf diese Fragen und zur Stärkung der dörflichen Gemeinschaft, dem Gemeinwohl und der Eigeninitiative wurde der Lokale Agenda 21-Prozess „Stanz gemeinsam gestalten“ in drei Teilprojekten durchgeführt.

Struktur und Personen

Gemeinde Stanz: Bürgermeister DI Fritz Pichler und Amtsleiter Raimund Lebner

Prozessbegleitung: Agentur SCAN, Elisa Rosegger und Mag. Rainer Rosegger
Regionalmanagement Obersteiermark Ost

Prozessverlauf der LA 21 in Stanz im Mürztal

Im Jahr 2016 wurde der „Lokale Agenda 21-Prozess“ gestartet. Seitdem arbeiteten rund 80 Bürgerinnen und Bürger strukturiert und mit großem Einsatz an der Entwicklung eines Leitbildes für die Gemeinde Stanz mit. In der ersten Phase, begleitet durch die Landentwicklung Steiermark, wurden Themen und Meinungen gesammelt und gegliedert. Ab dem Jahr 2017 wurde der Prozess von einer Agentur begleitet und es wurde in sechs Handlungsfeldern an konkreten Vorhaben gearbeitet: Lebensqualität, Ortszentrum, Freizeit & Sport mit Malburg Teich, Energie, Kultur, Kinder & Jugend.

Der zeitliche Aspekt spielte eine Rolle in den Überlegungen: Welche Vorhaben können kurzfristig, etwa als Impulsmaßnahme mit mittel- bzw. langfristigen Effekten erzielen werden? Welche müssen in einer langfristigen Gesamtstrategie integriert werden? Durch die externe Anleitung war es möglich, die Eigenverantwortung der Bevölkerung zu stärken, damit Entscheidungen gemeinsam getragen werden konnten. Diese Vorgehensweise demokratisiert Kommunalentwicklung und macht dadurch einen Standort authentisch.

Zu Beginn des Prozesses wurde mit der „Dorfwerkstatt“ ein Leerstand als Arbeitsraum für Aktive eingerichtet, der dann auch schnell als sozialer Treffpunkt von der Bevölkerung angenommen wurde. Von hier ausgehend und durch eine Zukunftskonferenz wurden zahlreiche Projekte umgesetzt.

Seit dieser Prozessphase sind die Arbeitsgruppen weitestgehend eigenständig aktiv und nachhaltig etabliert. Im dritten Lokale Agenda 21-Teilprojekt ab 2018 wurde ein Schwerpunkt im Bereich der Jugendbeteiligung gesetzt: Junge Menschen sind die Zukunft der Gemeinden. Aber gerade im ländlichen Raum fehlt es an adäquaten Treffpunkten und Angeboten für diese Altersgruppe – vor allem abseits des sehr wichtigen, jedoch eher traditionell verankerten Vereinslebens.

Anfang 2019 wurde eine Befragung aller Haushalte und eine Befragung der Jugendlichen mit einem Fragebogen durchgeführt. Die Rücklaufquote war mit 29% sehr gut.

Im Gesamtprozess wurde ein Fokus auf „performative Beteiligung“ gelegt, welche über die herkömmlichen Stufen „Informieren“, „Konsultieren“ und „Mitbestimmen“ hinausgeht. So stehen nicht nur diskursive Beteiligungsformate im Mittelpunkt. Vielmehr bieten performative Aspekte der Beteiligung – die zeitnahe gemeinsame Umsetzung konkreter Maßnahmen („quick wins“) – die Möglichkeit, unterschiedliche Menschen mit ihren Ressourcen und Talenten am Prozess zu beteiligen.

Projekte und Aktionen

  • Vernetzungstreffen Arbeitsgruppen 01/2017
  • Regelmäßige Begleitung der Arbeitsgruppentreffen 02– 07/2017
  • Palettenmöbel-Workshop mit Jugendlichen 04/2017
  • Eröffnung Dorfwerkstatt 05/2017
  • Zukunftskonferenz 05/2017
  • Offene Dorfwerkstatt 05 -07/2017
  • Teich-Aktionstag 05/2017
  • 1. Dorfgespräch 07/2017
  • 2. Dorfgespräch 09/2017
  • Teich-Aktionstag 06/2018 Schwerpunkt Kinder und Jugendliche
  • Übergeordnete Arbeitsgruppe Kinder & Jugend (Institutionen, Vereine, Organisationen) 10/2018
  • Arbeitsgruppe Jugend 10/2018 – 02/2019

Impulsprojekte und längerfristige Maßnahmen

Kost-Nix-Laden

In einem leerstehenden Gebäude wurde von der Arbeitsgruppe Lebensqualität ein Kost-Nix-Laden eingerichtet, in dem nicht mehr verwendete Kleider und kleine Gebrauchsgegenstände getauscht werden. Während der Öffnungszeiten findet keine „Aufsicht“ statt. Viel mehr steht das Vertrauen im Vordergrund, dass der Raum adäquat genutzt wird. Morgens und abends wird der Laden von einer ehrenamtlich tätigen Person aus der Arbeitsgruppe auf- bzw. zugesperrt und einmal wöchentlich wird gemeinsam geräumt und sortiert. Die Gruppe veranstaltet auch kleine Veranstaltungen wie Themenfrühstück oder Modenschauen. Einnahmen aus den Veranstaltungen kommen der Instandhaltung des Ladens zugute.

Palettenmöbel-Workshop mit Jugendlichen

Um die Dorfwerkstatt einzurichten wurde ein Palettenmöbel-Workshop für Jugendliche angeboten. Die Jugendlichen waren damit die ersten, die sich die Räumlichkeiten im Rahmen der Zwischennutzung eroberten und auch für sich einrichten konnten. Zwei Tage lang wurde mit Jugendlichen mitten im Dorf gearbeitet. Dabei ging es auch um das Sichtbarmachen der Aktion und der jungen Menschen mit ihrem Engagement im öffentlichen Raum.

Dorfwerkstatt

Ein Leerstand im Ortszentrum wurde im Rahmen einer Zwischennutzung als Ressource für den Austausch, als Begegnungsort für die Bevölkerung sowie für die Treffen der Arbeitsgruppen und erweiterte Interessensgruppen genutzt. In einem Jahr wurden 35 Veranstaltungen verzeichnet, vor allem der neutrale Charakter des Begegnungsortes erschien den Teilnehmenden attraktiv.

Hupf-Auf-Bankerl

In der Arbeitsgruppe Lebensqualität wurde die Idee für das „Hupf-Auf-Bankerl“ geboren. Als analoge Mitfahrzentrale funktioniert sie nach dem ganz einfachen Prinzip: Wer am „Hupf-Auf-Bankerl“ sitzt braucht eine Mitfahrgelegenheit. Diese Aktion hat in Form einer paradoxen Intervention zu einem nachhaltigen Diskussionsprozess über Mobilität und der Dominanz des motorisierten Individualverkehrs angefacht. Mittlerweile zeigen auch Nachbargemeinden Interesse an der Umsetzung dieser Idee. Eine konkrete Folge dieser Intervention ist das Stanzer E-Mobil.

Stanzer E-Mobil

Im Jahr 2018 wurde das Stanzer E-Mobil gestartet. Dadurch profitieren vor allem Menschen ohne Auto in der Gemeinde, in der es über die letzten Jahrzehnte zu einer starken Ausdünnung des öffentlichen Verkehrs gekommen ist. Ein Team von Freiwilligen – vor allem Menschen in der Pension – schafft  dadurch wochentags von 7 bis 19 Uhr ein attraktives kommunales Mobilitätsangebot. Eine Fahrt innerhalb der Gemeinde kostet 2,50 Euro und in die Nachbargemeinden 3,50 Euro. So ist die Erreichbarkeit von sozialen und medizinischen Infrastrukturen gewährleistet und eine Anbindung an die Südbahn gegeben.

Teichaktionstage

Der Malburg Teich zählt zu den beliebtesten Freizeitorten in der Gemeinde. Aufgrund eines ausgelaufenen Pachtvertrages konnte kein Badebetrieb stattfinden, was auch in der Verkümmerung von Infrastrukturen und Grünräumen seinen Ausdruck fand. Seit 2017 wurden durch eine eigene Arbeitsgruppe mit mehreren Vereinen im Frühjahr Aktionen zur Verschönerung und Sanierung der Infrastrukturen durchgeführt. Der Besuch am Badeteich ist mit freiem Eintritt für alle Bevölkerungsgruppen möglich.

Jugendplatz

Der gemeinsame Wunsch der Jugendlichen ist die Schaffung eines Jugendplatzes, ein Treffpunkt, an dem sie ungestört Zeit miteinander verbringen können. Ein derartiger Platz war im Ort bereits vorhanden, die Jugendlichen wurden jedoch aufgrund von Nachbarschaftsprobleme verdrängt. Der Wunsch zur Schaffung eines Jugendplatzes war u.a. mit hohen Zustimmungswerten ein eindeutiges Ergebnis in der Bevölkerungsbefragung. In vier Treffen wurde gemeinsam mit Jugendlichen intensiv an der Ideenfindung für den Platz sowie an der Planung und Umsetzung gearbeitet. Die Ergebnisse aus den Treffen werden in die Detailplanung eingearbeitet.

Ausblick

In den letzten drei Jahren ist eine enorme Dynamik innerhalb der Dorfgemeinschaft in Stanz entstanden und Projekte wurden mit hohem Engagement teilweise eigenverantwortlich umgesetzt. Diese Dynamik muss gestärkt und die dahinterstehenden Menschen wertgeschätzt werden. Dafür braucht es unter anderem finanzielle Sicherstellungen für künftige Vorhaben. Im Jahr 2020 wird der Jugendplatz gemeinsam mit den Jugendlichen gestaltet, der neue Generationenwohnbau bezogen und Maßnahmen im Bereich der Nahversorgung gesetzt. Mittelfristig soll sich die Gemeinde Stanz im Mürztal als gutes Beispiel im ländlichen Raum etablieren, in der eine hohe Lebensqualität in einem attraktiven und dynamischen Dorfzentrum mit Wohnangeboten und Begegnungsorten für alle Generationen gegeben ist und eine ressourcenschonende Mobilität sowie Energiegewinnung sichergestellt wird.

Redaktion und Rückfragen

Bürgermeister DI Fritz Pichler
E-Mail:buergermeister@stanz.at

Die Inhalte dieser Seite wurden von Mag. Rainer Rosegger gestaltet.
E-Mail: rainer.rosegger@scan.co.at