Aktuelle Situation in der Ukraine  aus Sicht des Strahlenschutzes in Österreich

Die Abteilung Strahlenschutz im Klimaschutzministerium ist zuständig für den Schutz Österreichs vor Auswirkungen von nuklearen Zwischenfällen. Dazu überwacht das Ministerium rund um die Uhr alle relevanten Messwerte und Vorkommnisse und ist in ständiger Abstimmung mit den Behörden unserer Nachbarländer, der EU und der Internationalen Atomenergiebehörde.

Sollte es in kerntechnischen Anlagen zu sicherheitsrelevanten Ereignissen kommen, informiert die Abteilung für Strahlenschutz alle betroffenen Stellen und setzt alle notwendigen Schritte. Von der laufenden Beobachtung und Einschätzung der Situation, über die umfassende Information der Menschen in Österreich bis hin zu etwaigen Schutzmaßnahmen.

Im Zusammenhang mit der russischen Invasion in der Ukraine haben wir diese Arbeit natürlich verstärkt. Wir überwachen die Lage in der Ukraine genau und tauschen uns mit allen Partner:innen aus.

In der Ukraine sind vier Kernkraftwerke in Betrieb: Riwne, Saporischschja, Chmelnyzkyj und Süd-Ukraine. Die Kraftwerke liegen etwa 700 bis 1.300 km von der österreichischen Staatsgrenze entfernt.

Kernkraftwerk Saporischschja

In der Nacht des 4. März 2022 ab 00:40 Uhr stand das ostukrainische Kernkraftwerk Saporischschja unter Beschuss der russischen Streitkräfte. Infolgedessen brach ein Brand in einem Trainingsgebäude von Block 1 aus. Der Brand konnte gelöscht werden. Laut ukrainischer Behörde und der IAEO kam es zu keinen Schäden an sicherheitsrelevanten Systemen. Es wurden keine radioaktiven Stoffe freigesetzt. Die Messsysteme in der Ukraine, in Österreich und in den Nachbarstaaten zeigten keine erhöhten Messwerte.

Das Kernkraftwerk Saporischschja befindet sich unter russischer Kontrolle. Laut IAEO ist das Kernkraftwerk in einem sicheren Zustand.

Die Anlage Saporischschja ist etwa 1.300 km von Österreich entfernt. Es besteht aktuell keine Gefahr für Österreich. Die Expert:innen des Klimaschutzministeriums beobachten die Lage laufend.

Europäische Gruppe der Regulierungsbehörden für nukleare Sicherheit (ENSREG) fordert Wiederherstellung der Kontrolle ukrainischer Aufsichtsbehörde über alle kerntechnischen Anlagen in Ukraine

Keine Einnahme von Kaliumiodid-Tabletten notwendig

Kaliumiodid-Tabletten sollten in der derzeitigen Situation auf keinen Fall eingenommen werden. Selbst im Falle eines schweren KKW-Unfalls in der Ukraine wäre die Einnahme von Kaliumiodid-Tabletten in Österreich nicht notwendig.

Kaliumiodid-Tabletten sollen nur nach ausdrücklicher Aufforderung der zuständigen Behörden eingenommen werden. Die Einnahme von Kaliumiodid-Tabletten in Österreich ist eine Schutzmaßnahme, die nur bei schweren grenznahen Kernkraftwerksunfällen notwendig sein könnte und dann auch nur in den am stärksten betroffenen österreichischen Gebieten. In einem solchen Fall würden die Behörden die Bevölkerung rechtzeitig über das Sirenenwarnsystem und den ORF – insbesondere auch über den Zeitpunkt der Einnahme – informieren.

Anlagen bei Tschornobyl

Das ehemalige Kernkraftwerk Tschornobyl (auch bekannt als Tschernobyl), das nach der Katastrophe 1986 noch immer überwacht werden muss, ist permanent heruntergefahren. (Der letzte Reaktor wurde bereits im Jahr 2000 regulär außer Betrieb genommen.) Ebenfalls in Tschornobyl befindet sich ein zentrales Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente.

Das ehemalige Kernkraftwerk Tschornobyl wurde am 24. Februar von russischen Truppen besetzt. Im Zusammenhang mit Kämpfen in der Nähe des ehemaligen Kernkraftwerks gab es Berichte über erhöhte Strahlenwerte. Diese dürften von aufgewirbelten Staub durchfahrender Militärfahrzeuge stammen. Die erhöhten Strahlenwerte hatten keine Auswirkungen, die über die bestehende Sperrzone hinausgingen.

In Folge der Besetzung Tschornobyls durch russische Truppen waren laut IAEO die Kommunikationsverbindungen zwischen der ukrainischen Aufsichtsbehörde, dem Betreiber und dem Personal immer wieder unterbrochen. Die immer wieder ausbleibenden Schichtwechsel stellten eine weitere Belastung für das Personal dar. 

Anfang März waren die Anlagen des ehemaligen Kernkraftwerks Tschornobyl von der externen Stromversorgung abgeschnitten. Generatoren stellten jedoch Strom bereit. Seit Mitte März ist die externe Stromversorgung wiederhergestellt. Laut Einschätzung der IAEO sind auch durch wiederholte Stromausfälle keine kritischen Folgen in der Anlage Tschornobyl zu erwarten. Alleine die Menge des vorhandenen Kühlwassers in den Lagerbecken für abgebrannte Brennelemente reicht aus, um diese auch ohne Stromversorgung ausreichend kühlen zu können.

Ende März brachen in der Sperrzone Waldbrände aus. Aufgrund von Trockenheit kommt es in der Sperrzone von Tschornobyl immer wieder zu Waldbränden. Dabei ist es möglich, dass die noch aus dem Reaktorunfall von 1986 stammende Radioaktivität aus dem Boden in die Luft freigesetzt wird. Österreich wäre durch die freigesetzte Radioaktivität nicht gefährdet. Zuletzt kam es im Jahr 2020 zu größeren Waldbränden in der Sperrzone.

Ende März zogen sich die russischen Streitkräfte aus der Sperrzone zurück Die Ukraine arbeitet gemeinsam mit der IAEO an dem Wiederaufbau der Infrastruktur, um den Strahlenschutz und die nukleare Sicherheit zu gewährleisten. Das automatischen Messnetz zur Überwachung der Strahlung in der Sperrzone wird wiederhergestellt.

Aktuelle Information über die radiologische Situation sind auch auf der Website der Ukrainischen Aufsichtsbehörde (→ SNRIU) zu finden.

Hinweis

Der Bereitschaftsdienst der Abteilung Strahlenschutz verfolgt laufend die weitere Entwicklung.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie sehr ein Kernkraftwerksunfall Österreich gefährden kann, ist vor allem von der Entfernung der Anlage, der Menge an freigesetzten radioaktiven Stoffen und von den herrschenden Wetterbedingungen abhängig.

Die vier in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke in der Ukraine sind zwischen 700 und 1.300 km von Österreichs Staatsgrenze entfernt. Aufgrund dieser großen Entfernung würden nur sehr große Freisetzungen und die anschließende direkte Verfrachtung radioaktiver Luftmassen nach Österreich zu einer Betroffenheit Österreichs führen.

In diesem Szenario können Maßnahmen im Bereich der Landwirtschaft und von Lebensmitteln notwendig sein. Abhängig von der Jahreszeit, in der ein Unfall stattfindet, können Lebensmittel kontaminiert werden. 

Landwirtschaftliche Maßnahmen, die schon vor Eintreffen der kontaminierten Luftmassen durchgeführt werden, können die Kontaminierung von Lebensmitteln effektiv mindern. Nutztiere sollten zum Beispiel mit nicht kontaminiertem Futter versorgt und Glashäuser geschlossen werden. Im Anlassfall werden verstärkte Kontrollen zur Überwachung von Futter- und Lebensmitteln durchgeführt. Bei Überschreiten von EU-weiten Höchstwerten wird das Inverkehrbringen von Lebens- und Futtermitteln aus den betroffenen Regionen verboten.

Schutzmaßnahmen wie die Einnahme von Kaliumiodid-Tabletten oder das Verbleiben in Häusern wären aufgrund der weiten Entfernung der Kernkraftwerke in Österreich nicht zu ergreifen. Aus radiologischer Sicht ist die Einnahme von Kaliumiodid-Tabletten, abhängig vom Unfallhergang und den Wetterverhältnissen, maximal bis zu einer Entfernung von 100 bis 200 km zur Anlage sinnvoll.

Anmerkung: Evakuierungen sind in Österreich auch bei einem grenznahen schweren KKW-Unfall nicht notwendig. Evakuierungen werden bei schweren KKW-Unfällen nur in der unmittelbarsten Umgebung des Kraftwerkes, in den sogenannten Notfallplanungszonen, durchgeführt.

Nein! In der Ukraine sind zurzeit alle Kernkraftwerke im Normalbetrieb. Aber auch im Falle eines schweren KKW-Unfalls in der Ukraine wäre die Einnahme von Kaliumiodid-Tabletten in Österreich nicht notwendig.

Kaliumiodid-Tabletten sollen nur nach ausdrücklicher Aufforderung der zuständigen Behörden eingenommen werden. Die Einnahme von Kaliumiodid-Tabletten in Österreich ist eine Schutzmaßnahme, die nur bei schweren grenznahen Kernkraftwerksunfällen notwendig sein könnte und dann auch nur in den in Österreich am stärksten betroffenen Gebieten. In einem solchen Fall würden die Behörden die Bevölkerung rechtzeitig über das Sirenenwarnsystem und den ORF – insbesondere auch über den Zeitpunkt der Einnahme – informieren.

Zurzeit findet ein turnusmäßiger Austausch der Kaliumiodid-Tabletten in den Apotheken statt. Die dort gelagerten Tabletten erreichten Ende August 2021 ihr Verfallsdatum. Der aktuell laufende Austausch der Kaliumiodid-Tabletten hat keinen Zusammenhang mit den kriegerischen Ereignissen in der Ukraine.

Mehr Informationen zu den Kaliumiodid-Tabletten sind auf der → Website des Gesundheitsministeriums zu finden.

Rasche Alarmierung durch Internationale Alarmierungs- und Informationssysteme: Als direkte Reaktion auf den katastrophalen Unfall in Tschernobyl im Jahr 1986 haben die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) und die Europäische Kommission Alarmierungssysteme und Informationsabkommen geschaffen. Damit ist ein Unfallland verpflichtet, die internationalen Stellen und betroffene Staaten so schnell wie möglich – noch vor einer Freisetzung radioaktiver Stoffe – zu alarmieren und mit Informationen zu versorgen. Zusätzlich hat Österreich Informationsabkommen mit seinen Nachbarstaaten und mit anderen Staaten wie der Ukraine geschlossen. Durch diese Abkommen würde Österreich bei einem KKW-Unfall in der Ukraine rasch alarmiert werden.

Prognosesysteme schätzen mögliche Auswirkungen auf Österreich frühzeitig ab: Um Auswirkungen auf Österreich frühzeitig abschätzen zu können, verfügt das BMK über spezielle Prognosesysteme. Freigesetzte radioaktiv kontaminierte Luftmassen können sich –je nach Windstärke und Windrichtung – über weite Distanzen ausbreiten. Mit Hilfe von Wetterprognosen und Modellrechnungen wird die Ausbreitung der kontaminierten Luftmassen prognostiziert. Damit können die wahrscheinlich betroffenen Regionen in Österreich schon frühzeitig erkannt sowie die zu erwartende Kontamination und die Strahlendosis für die Bevölkerung rasch abgeschätzt werden. Auf Basis dieser Informationen werden Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung gesetzt.

Automatische Strahlenmesssysteme: Sollte es zu einer Freisetzung und großräumigen Verfrachtung radioaktiver Stoffe kommen, würden diese durch automatische Strahlenmesssysteme im In- und Ausland detektiert werden und den Bereitschaftsdienst im BMK sofort alarmieren. Diese Messdaten erlauben eine Einschätzung der Lage und das Setzen von notwendigen Maßnahmen.
Die Strahlenschutzabteilung im BMK ist für die Überwachung der Umweltradioaktivität zuständig. Er verfolgt die Situation in Österreich mit Hilfe des Österreichischen Strahlenfrühwarnsystems. Dabei handelt es sich um ein österreichweites automatisches Messsystem, das die Umwelt permanent auf radioaktive Kontaminationen hin überwacht. Erhöhte Messwerte, wie sie bei sich ausbreitenden radioaktiv kontaminierten Luftmassen registriert würden, lösen sofort einen Alarm aus. Zusätzliche vollautomatische Luftmonitorstationen an den österreichischen Grenzen können Art und Menge der radioaktiven Stoffe in der Luft bestimmen. Zwischenstaatliche Vereinbarungen ermöglichen zusätzlich den Online-Datenaustausch zwischen dem österreichischen Strahlenfrühwarnsystem und gleichartigen Messnetzen der Nachbarstaaten. Dadurch können im Fall einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen die Auswirkungen auf Österreich frühzeitig abgeschätzt werden. Aktuelle Messwerte des Strahlenfrühwarnsystems sind auf der Website des BMK abrufbar (→ strahlenschutz.gv.at). 

Das laborgestützte Überwachungsnetz kann auch geringste Spuren radioaktiver Stoffe in der Luft nachweisen: Neben den automatischen Strahlenmesssystemen betreibt Österreich ein laborgestütztes Überwachungsnetz, welches eine genaue Angabe über den Gehalt radioaktiver Stoffe in der Umwelt und in Lebensmitteln erlaubt. 
Auch geringste Mengen radioaktiver Stoffe in der Luft können mit Luftfiltern gemessen werden. Sollten in anderen europäischen Ländern Spuren von Radioaktivität in der Luft nachgewiesen werden, würde Österreich sofort Informationen über die entsprechenden europäischen Messlabors bekommen.

Nein. Für Österreich besteht aktuell keine Gefahr aufgrund der Situation im Kernkraftwerk (KKW) Saporischschja. Zum Hintergrund: Aufgrund des Artilleriebeschusses auf das ostukrainische KKW Saporischschja kam es in den frühen Morgenstunden des 4. März zu einem Brand in einem Trainingsgebäude des Block 1 der Anlage. Das Feuer konnte gelöscht werden. Laut ukrainischer Behörde und der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) kam es zu keinen Schäden an sicherheitsrelevanten Systemen. Die Anlage befindet sich unter russischer Kontrolle. Es besteht nur eine eingeschränkte Kommunikation zwischen dem KKW und der ukrainischen Aufsichtsbehörde (SNRIU). Das ukrainische Betriebspersonal hält den sicheren Betrieb aufrecht. 

Es wurden keine radioaktiven Stoffe freigesetzt. Die Messsysteme in der Ukraine, in Österreich und in seinen Nachbarstaaten zeigen keine erhöhten Messwerte. Dies wurde auch von der IAEO bestätigt.

Die Abteilung Strahlenschutz im BMK beobachtet die Situation in der Ukraine rund um die Uhr und ist in intensiven Kontakt mit der Internationalen Atomenergie-Organisation.

Nein. Für Österreich besteht keine Gefahr. Sollte es zu einer Freisetzung radioaktiver Stoffe aus den Anlagen in Tschernobyl kommen, wären die Auswirkungen auf die unmittelbare Region um Tschornobyl beschränkt. Österreich wäre in keinem Fall von einer möglichen Freisetzung betroffen.

Der Unfallreaktor Tschornobyl wurde 1986 durch einen Unfall zerstört und hat inzwischen einen neuen Einschluss, „New Containment“ genannt,  über dem ursprünglichen Sarkophag bekommen. Die drei anderen Reaktorblöcke von Tschornobyl sind seit über 20 Jahren stillgelegt. Außerdem befinden sich auf dem Gelände des ehemaligen KKWs ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente mit circa 20.000 Brennelementen, die dort seit über 20 Jahren gelagert werden. Laut Einschätzung der IAEO und Expert:innen im BMK sind auch durch wiederholte Stromausfälle keine kritischen Folgen in der Anlage Tschornobyl zu erwarten. Alleine die Menge des vorhandenen Kühlwassers in den Lagerbecken für abgebrannte Brennelemente reicht aus, um diese auch ohne Stromversorgung ausreichend kühlen zu können. Eine Freisetzung radioaktiver Stoffe würde nur die unmittelbare Umgebung betreffen. 

Aufgrund von Trockenheit kommt es auch in der Sperrzone von Tschornobyl immer wieder zu Waldbränden. Dabei ist es möglich, dass die noch aus dem Reaktorunfall von 1986 stammende Radioaktivität aus dem Boden in die Luft freigesetzt wird. Österreich wäre durch die freigesetzte Radioaktivität nicht gefährdet. Zuletzt kam es im Jahr 2020 zu Waldbränden in der Sperrzone.

Weiterführende Informationen: