Warum Kernenergie keine "grüne" Investition ist

Die Kernenergie ist weder eine nachhaltige Form der Energieversorgung noch stellt sie eine tragfähige Option zur Bekämpfung des Klimawandels dar. Sowohl das Verursacherprinzip als auch das Vorsorgeprinzip werden bei der Kernenergienutzung verletzt.

"Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können." Brundtland Report, 1987

Wegen des relativ geringen Ausstoßes von Kohlenstoffdioxid (CO2) wird die Kernenergie in der Klimadiskussion in zunehmender Weise als sauber, umweltfreundlich oder "grün" dargestellt.

Dies zeigt sich auch in der regen Debatte, die derzeit auf EU-Ebene rund um die sogenannte Taxonomie-Verordnung geführt wird. Die Taxonomie-Verordnung schafft EU-weite, wissenschaftlich fundierte Regeln dazu, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten als ökologisch nachhaltig zu bewerten sind. Das Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Technologie und Innovation (BMK) hat dazu eine Studie bei Univ. Prof. Dr. Sigrid Stagl (Wirtschaftsuniversität Wien) beauftragt, die eine objektive Beurteilung der Kernenergie im Zusammenhang mit den Kriterien der Taxonomie-Verordnung vornimmt. Ergänzend wurde im Sinne eines weiter gefassten Nachhaltigkeitsbegriffs auch die Frage der wirtschaftlichen Tragfähigkeit betrachtet.

Die Studie bestätigt einmal mehr die österreichische Position: Klimaschutz gelingt nur ohne die Kernkraft. Die Kernenergie erfüllt nicht die Taxonomie-Voraussetzung „Do No Significant Harm“ betreffend alle in der Taxonomie genannten Umweltziele. Sie entspricht nicht den internationalen Sozialstandards, die im Rahmen der Taxonomie vorausgesetzt werden. Die Kernenergie geht weiterhin einher mit Risiken nuklearer Unfälle, Risiken des Uranabbaus, finanziellen und regulatorischen Risiken, ungelösten Fragen der Abfallentsorgung und Bedenken hinsichtlich der Verbreitung von Kernwaffen. Energieeffizienz und erneuerbare Energien tragen weit mehr zur Senkung von CO2-Emissionen bei als die Kernenergie.

Nachstehend einige der wichtigsten Argumente, die gegen die Kernenergie sprechen – vor allem gegen deren Nachhaltigkeit und somit auch gegen eine Klassifizierung als "grüne" Investition.

Radioaktive Abfälle

Die sichere und dauerhafte Entsorgung hochaktiver, radioaktiver Abfälle und abgebrannter Brennelemente ist nach wie vor ungelöst. Bis heute ist kein einziges Endlager für derartige Abfälle in Betrieb – weltweit. Aber selbst wenn in absehbarer Zeit derartige Endlager in Betrieb genommen werden sollten, so kann mit heutigem Wissen der sichere Einschluss, der für hunderttausende von Jahren erforderlich ist, nicht garantiert werden.

Brennstoffverfügbarkeit

Uran und auch Thorium sind letztlich nur begrenzt verfügbar. Der sogenannte "Brennstoff­kreislauf" existiert nicht. Die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente kann nicht beliebig oft wiederholt werden. Darüber hinaus ist die Wiederaufarbeitung mit erheblichen Sicherheits-, Gesundheits-, Umwelt-, und Weiterverbreitungsrisiken behaftet. Der Übergang zu Brütertechnologien würde diese Risiken noch vervielfachen.

Nukleare Sicherheit

Schwere Unfälle mit weitreichenden Auswirkungen können nach wie vor nicht ausgeschlossen werden. Der vielfach vorgenommene Vergleich von Energieträgern an Hand von Unfalltoten pro erzeugter Kilowattstunde (KWh) ist irreführend. Dabei werden nicht nur die Unbewohnbarkeit weiter Land­striche auf Generationen außer Acht gelassen, sondern auch die tatsächlichen Schadens­kosten. Diesbezüglich sei auf die Arbeiten des Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire (IRSN) verwiesen, das für einen schweren Unfall in Frankreich Folgekosten von über 400 Milliarden Euro errechnete.

Komplementarität der Kernenergie

Die Behauptung, dass sich erneuerbare Energieträger und die Kernenergie bei der Strom­erzeugung ergänzten, da Strom aus Kernenergie die Variabilität der Verfügbarkeit erneuer­barer Energieträger ausgleiche, ist unrichtig. Kernkraftwerke können nur sehr bedingt im Lastfolgebetrieb betrieben werden und sind für häufige und rasche Lastwechsel vollkommen ungeeignet. Angesichts der hohen Fixkosten von Kernkraftwerken würde sich die Unwirt­schaftlichkeit bei Lastfolgebetrieb weiter erhöhen. Somit ist bei einem verstärkten Einsatz von Kernenergie von einer Verdrängung von erneuerbaren Energieträgern auszugehen; nicht von einer Ergänzung.

Technologische Entwicklung

Da die Dekarbonisierung der Energiesysteme rasch erfolgen muss, ist die Hoffnung auf baldige Entwicklung/Realisierung neuer Technologien, sei es zur nuklearen Stromerzeugung, sei es zur Behandlung hochaktiver, radioaktiver Abfälle oder abgebrannter Brennelemente, nicht gerechtfertigt. Trotz hoher staatlicher Förderung und jahrzehntelanger Forschung und Entwicklung sind die bislang erzielten Fortschritte eher als bescheiden einzustufen; baldige technologische Durchbrüche nicht zu erwarten. Darüber hinaus wäre dieser Hoffnung auf technologischen Fortschritt die technologische Entwicklung bei erneuerbarer Energieträgern und Speichertechnologien entgegenzuhalten.

Weiterverbreitung von Kernwaffen

Ein Ausbau der Kernenergie erhöht zwingend die Gefahr der Weiterverbreitung von Kern­waffen. Fast jede Form von Plutonium kann zur Herstellung von Waffen verwendet werden. Das sogenannte "waffenfähige" Plutonium stammt aus Kernkraftwerken, bei denen die Brennelemente nach relativ kurzer Zeit entfernt werden. Selbst leicht angereichertes Uran ist ein Ausgangsmaterial für waffenfähiges Uran. Jedes Kernenergieprogramm muss daher von einer lückenlosen Sicherheitskontrolle begleitet werden. Dies erhöht zusätzlich die volkswirt­schaftlichen Gesamtkosten.

Für den Klimaschutz bedeutet das:

Die Kernenergie ist zu teuer, ein deutlicher Ausbau dauert viel zu lange und die Nachteile wiegen viel schwerer als die geringeren CO2-Emissionen. Daher darf die Kernenergie auch nicht als gesamteuropäische Antwort auf den Klimawandel oder als gemeinsames Anliegen dargestellt werden.